Retriever Ausgabe 85 Dezember 2015 - page 54-55

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Dezember 2015
Dezember 2015
Leserbrief
Leserbrief
Impulskontrolle
Wie kommt es, dass wir von unseren Hunden
viel mehr erwarten, als wir selbst imstande
oder bereit sind, zu leisten? Und wie dazu,
dass wir Leistungen, zu denen wir nie fähig
wären, für selbstverständlich halten, ohne
unseren Retrievern Anerkennung und Wert-
schätzung für Ihren Einsatz und ihre Koope-
rationsbereitschaft zuteil werden zu lassen?
Wer von uns würde zum Beispiel bei einem
Wesenstest antreten oder seine Formwerte
beurteilen lassen? Wem von uns würde ein
will to please bescheinigt werden? Wer wür-
de gut gelaunt nacheinander die verschie-
denen ihm zugedachten bzw. zugemuteten
Rollen ausführen?
Und: Wer wäre bereit, sich von einem spürbar
aufgeregten und unbeherrschten Wesen
Lektionen in Sachen Impulskontrolle geben
zu lassen?
Womit wir auch schon beim Thema wären:
Weil in der Ausgabe 83 Impulskontrollen-Trai-
ning thematisiert wurde, soll diesmal die Fra-
ge erlaubt sein, wie es umdie Impulskontrolle
von uns HundeführerInnen bestellt ist.
Wenn wir die Beherrschung
verlieren ...
Unsere empfindsamen, klugen und vielfältig
begabten Retriever bekommen täglich unse-
re schlechte Laune, Gereiztheit, Unzufrieden-
heit, Nervosität, Überforderung u.v.m. zu
spüren. Wenn dann im Alltag oder beim Trai-
ning etwas schief läuft, lassen frustrierte
HundeführerInnen gerne ihrem Ärger über
unterstelltes Fehlverhalten oder unterstellte
fehlende Kooperationsbereitschaft freien
Lauf. Die mangelhaft ausgeprägte Fähigkeit
oder Bereitschaft von HundeführerInnen,
sich zu beherrschen und ruhig zu bleiben,
kann sich in drei – sich oft überlappenden –
Bereichen zeigen.
1. Psychischer Druck
Weil Hunde mentale Kommunikation gut be-
herrschen, können wir ihnen unsere Unzu-
friedenheit erfolgreich wortlos über Anspan-
nung, Ungeduld, unübliche Strenge, Willkür,
Distanziertheit etc. vermitteln.
2. Verbale Gewalt
Vermutlich war jeder von uns am Trainings-
platz oder anderswo schon gelegentlich Zeu-
ge verbaler Entgleisungen und es darf davon
ausgegangen werden, dass die enthaltenen
Grobheiten, Respektlosigkeiten, verächt-
lichen und zynischen Kommentare und ge-
schmacklosen Drohungen ihre beunruhi-
gende Wirkung nicht verfehlt haben.
3. Körperliche Gewalt
Weil sich in der Retrieverausbildung im Zu-
sammenhang mit Meidemotivation Ele-
mente körperlicher Gewaltanwendung ge-
halten haben, ist es natürlich auch im Zuge
eines Wutanfalls außerhalb der Fußarbeit sa-
lonfähig, ordentlich an der Leine zu reißen
oder dem Hund den ausgespuckten oder gar
nicht erst aufgenommenen Dummy noch
eine Spur grober in den Fang zu stecken. (Üb-
rigens: Dass weder TrainerInnen noch Hun-
deführerInnen in solchen Situationen in Er-
wägung ziehen, dass der jeweilige Retriever
im Besitz von Informationen über den
Dummy sein könnte, die seinVerhalten recht-
fertigen, zeigt anschaulich den fehlenden Re-
spekt vor der fachlichen Überlegenheit des
Hundes.) Dass etliche Retriever-FührerInnen
keine Bedenken haben, ihre Hunde am Hals-
band oder einer oft extra dünnen Moxonlei-
ne mit zu eng gestelltem Zugstopp in die
Halsung rennen zu lassen, sie zu ziehen, zu
reißen oder zu würgen, obwohl längst die
vielen schmerzhaften direkten und langfri-
Unbeherrschtheit ist kein Kavaliersdelikt
stigen Folgeerscheinungen bekannt sind,
gibt zu denken.
Hier also zur Erinnerung eine kurzer Aus-
zug aus den unmittelbaren Folgen der
mechanischen Einwirkungen von Hal-
sungen auf die empfindliche Halsregion:
Haarverlust,
Hautirritationen,
Wunden,
Quetschungen, Verspannungen, Schluckbe-
schwerden, Atemnot, Rücken-, Nacken-,
Kopf, Kiefer-, Ohrenschmerzen, Tinnitus, Er-
höhung des Augeninnendrucks, Sehstö-
rungen, Übelkeit, Schwindel und Gleichge-
wichtsprobleme. Mögliche längerfristige
Folgen sind ein geschwächtes Immunsy-
stem, neurologische Schäden, Lahmheiten,
Arthrosen, Bandscheibenvorfälle, Schilddrü-
senunterfunktion, Glaukom, und Spondy-
losen u.v.m.
vgl.
,
Dass sich diese akuten und chronischen
Schmerzen und Beeinträchtigungen auch
auf das Sozialverhalten (Stichwort Leinenag-
gression) und die Lernbereitschaft (Müdig-
keit, Nervosität, Wahrnehmungsstörungen,
Konzentrationsprobleme) auswirken kön-
nen, wird niemanden überraschen.
Gemeinsam ist allen drei Formen von Unbe-
herrschtheit, dass der Hund nichts Hilfreiches
lernen kann. Im Gegenteil: Affektbestrafung
und Ungeduld „zerstören das Vertrauen des
Hundes in seinen Menschen, mindern das
Vertrauen in Lernsituationen, in die gemein-
same Zusammenarbeit und schlimmstenfalls
in die Umwelt allgemein“ (Schneider, 138).
Weil für Hunde Fürsorge, Berechenbarkeit
und Gelassenheit Merkmale von Souveräni-
tät und Führungskompetenz sind, bedeuten
verbal oder körperlich gewalttätige Gefühl-
sausbrüche das genaue Gegenteil.
Warum so unbeherrscht?
Die Persönlichkeit, die aktuellen Lebensum-
stände, die Tagesverfassung und die situati-
onsbedingten Umstände können unbe-
herrschtes Verhalten begünstigen. Men-
schen, die einen entspannten und humor-
vollen Zugang zum Training haben, werden
mit misslungenen Situationen ganz anders
umgehen können, als ehrgeizige Hundefüh-
rerInnen, die beispielsweise für eine Prüfung
trainieren. Irgendwo habe ich gelesen, dass
Unbeherrschtheit auch ein selbstbeloh-
nendes Verhalten darstellen kann. Das wür-
de erklären, warum manche Hundeführe-
rInnen gewohnheitsmäßig ihrem Ärger frei-
en Lauf lassen. Angenommen werden kann
aber auch, dass mangelhafte Reflexionsbe-
reitschaft und fehlendes kynologisches Wis-
sen impulsive Reaktionen wahrscheinlicher
machen.
Verstehen hilft
HundeführerInnen, die über die enormen ko-
gnitiven, sozialen, emotionalen und körper-
lichen Fähigkeiten von Hunden, über Stress,
Stimmungsübertragung, Motivation, Lern-
verhalten, situative Dominanz, souveränes
Führungsverhalten u.v.m. Bescheid wissen,
werden bei der Fehleranalyse den Fehler
nicht beim Hund finden.
Wer sich und seinen Hund gut kennt, wird
Zusammenhänge herstellen können und im-
mer wieder neue Ideen haben, wie er die
Rahmenbedingungen und das Training so
verändern und verbessern kann, dass der
Hund unbelastet, motiviert, konzentriert und
mit Freude und Erfolg lernen kann und die
Möglichkeit hat, zu zeigen, was er alles kann.
Bei der Fehleranalyse können auch die Beo-
bachtungen von Außenstehenden hilfreich
sein oder die nachträgliche Analyse mit Ver-
trauten. Im Sinne von Zivilcourage können
Aussenstehende natürlich auch ungebeten
Stellung nehmen zu dem, was sie gerade hö-
ren oder sehen mussten. Unbeherrschtes
Verhalten gegenüber Hunden darf kein Ka-
valiersdelikt sein.
Wertschätzung & Schutz
Wen man ganz grob rechnet, dass unsere Re-
triever achtmal schneller altern als wir, dann
wird klar, dass wir die kurze Lebenszeit un-
serer Hunde nicht verschwenden dürfen. Wir
müssen uns bemühen, sie wirklich kennen-
zulernen und zu verstehen, sie mit ihren indi-
viduellen Stärken, Vorlieben und Eigenheiten
wahrzunehmen und zu fördern und Ihnen
Wertschätzung und Dankbarkeit entgegen-
bringen, für alles was sie für uns tun.
Unsere Retriever sind unsere Schutzbefohle-
nen in dieser Menschenwelt, in der sie ein
fremdbestimmtes Leben führen und sich –
nicht nur in Unterordnungsübungen – stän-
dig unterordnen müssen. Wir sind verpflich-
tet, auf sie Rücksicht nehmen und sie vor
Allem zu schützen, was ihnen Schaden zufü-
gen könnte, – also auch vor unserem Unwis-
sen, unseren vielen Schwächen und unserer
Unbeherrschtheit.
– „Leinenruck“
– „Why a harness“
/
warum-brustgeschirr/
– Clarissa Reinhardt und Sabine Harrer
„Brustgeschirr oder Halsband?!“
– Dorothée Schneider
„Die Welt in seinem Kopf: Über das
Lernverhalten von Hunden.“
Bernau: Animal Learn Verlag, 2005.
Weiterführende Literatur:
– Clarissa Reinhardt, und Marion Elstrodt
„Auf die richtige Motivation kommt es an.“
– Maike Maja Nowak
„Kleine Menschen- und Hundekunde.“
Wie viel Mensch braucht der Hund?
München: Wilhelm Goldmann Verlag,
2013: 243-263.
– Sophie Strodtbeck und Udo Gansloßer
„Kein Häuptling ohne Indianer – die Sache
mit der Dominanz“. Kastration und Verhalten
beim Hund. Stuttgart: Müller Rüschlikon
Verlag, 2014: 21-30.
– Brigid Weinzinger
Blog vom 6.4.2015: „3 häufige Arten, wie du
dich deinem Hund gegenüber als kompletter
loser erweist.“
Blog vom 28.6.2015: „Warum der Begriff
triebiger Hund verbannt gehört.“
– Heike Wested
„Schreck lass nach! Der Einfluss von Stress
und Angst auf Gehirn und Verhalten.“
Edition Cum Cane: 2013.
Text & Fotos: MMag.phil. Doris Schier
Unsichtbar und leicht zu verletzen: Haut, Muskeln, Nerven, Rückenmark, Halswirbel, Bandscheiben, Zungenbein,
Lymph- & Blutgefäße, Thymus- & Schilddrüse, Luft- & Speiseröhre, Kehlkopf
Meine Lehrmeisterin in Sachen Souveränität,
Kompetenz, Präsenz, Geduld, Nachsicht, Vergebung
und Neubeginn & mein Ansporn, eine bessere
Hundeführerin zu werden
1...,34-35,36-37,38-39,40-41,42-43,44-45,46-47,48-49,50-51,52-53 56-57,58-59,60-61,62-63,64-65,66-67,68-69,70-71,72-73,74-75,...92
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