Retriever Ausgabe 85 Dezember 2015 - page 58-59

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Dezember 2015
Dezember 2015
LG Steiermark
LG Steiermark
Julia:
„Surya, kannst du dich von deinem Ball
losreißen und mit mir den WT in Bad Aussee
noch einmal Revue passieren lassen? Ich
möchte mich mit dir unterhalten, wie du ihn
aus deiner Hundeperspektive erlebt hast und
dir gleichzeitig auch meine Sicht mitteilen.“
Surya:
„Ja, Julia, aber bitte halt` dich kurz!
Spielen ist lustiger als Quatschen und du
schweifst immer ein klein wenig ab. Das ver-
wirrt mich manchmal!
Aber sag, hast du nicht immer gemeint, dass
du NIE (!) zu einemWorkingtest gehen möch-
test? Und wohin hast du mich gezerrt und
vorher mit einem Training„gequält“!?
Nach Bad Aussee zu einem WORKING-
TEST!!!
Aber Spaß beiseite, das Training vorher war
eh´ recht lustig – ich wollte dich nur ein
bisschen pflanzen – du kennst mich doch!“
Julia:
„Weiß ich doch, dass wir beide das Trai-
ning sehr genossen haben. Wir hatten doch
bei allen Auseinandersetzungen miteinander
auch Freude dabei.
Surya, ich hab´ immer gesagt, ich geh´ auf kei-
nen WT, weil ich von mehreren Seiten immer
wieder gehört habe, dass es doch in der „Ret-
rievercommunity“ sehr elitär zuginge und,
wenn sich jemand einem informellen Dress-
code nicht unterwirft, auf diesen etwas nase-
rümpfend runtergeschaut wird. Du mit dei-
nem sehr hübschen schwarzen Fellkleid, mit
den unterschiedlichen Strichführungen, warst
eh´ sehr schön. Ich aber wollte den„Zinnober“
nicht mitmachen und mich nicht einem von
außen auferlegtem Diktat unterwerfen. Aber
nachdem Mike und Karel (Anmerkung:
manchmal verzweifelte Trainer von Julia und
Surya) gemeint haben, dass du ein guter WT-
Hund wärst, wollte ich dir einen Gefallen tun
(„Pfui Julia, jetzt hast´ aber die Verantwortung
delegiert!“) und hab´ uns angemeldet. Gut,
dass auch Christine mit Caspar und Heimo mit
Henry teilnehmen wollten. So waren wir nicht
alleine und hatten immer jemanden, der uns
wieder auf den Boden der Realität geholt hat.
Nun, ich wollte aber auch sehen, ob die Infos
über die Community stimmen, oder sie nur zu
einem Vorurteil meinerseits geführt haben.
Ich lass´ mich nämlich nicht so gerne manipu-
lieren. Das versuchst eh´ du oft genug und es
gelingt dir auch immer wieder – du mein klei-
nes Schlitzohr!
Surya:
„Du Julia, das in Bad Aussee war gar
nicht so „affig“, wie von vielen Seiten mitge-
teilt wurde. Meine hündischen Teilnehmerkol-
legInnen waren überhaupt nicht aufgema-
scherlt und die Frauerln und Herrln auch
nicht. Aber entschuldige, eigentlich hab´ ich
auch gar nicht so sehr darauf geachtet, ich
hatte anderes zu tun, als auf potentielle Eitel-
keiten zu achten.“
Julia:
„Surya, ich war eigentlich sehr positiv
überrascht! Gut, wir beide sind nur am Sams-
tag in den unteren Klassen gestartet und konn-
ten so die Teilnehmer am Sonntag nicht ken-
nenlernen. Am Samstag jedenfalls konnte ich
kaum eine elitäre Grundhaltung bemerken.“
Surya:
„Du hast recht, Burlingtonsockerln
hab´ ich bei keinem/r gesehen. Dafür aber ei-
nen Mann mit wunderhübschen, handge-
strickten Stutzen zur Lederhose mit Federkiel-
bestickung und Seidengilet! Ich kann nur sa-
gen: Sehr nobel! Sah wirklich gut aus aber sei-
ne Schuhe waren nachher genauso verdreckt,
wie deine alten, löchrigen.
Kapperln haben doch die meisten auf und
dazu noch im einheitlichen Design. Ein klein
wenig Uniformität war schon zu bemerken!
Julia, wir beide sollten aber auch keine Vorur-
teile pflegen. Wenn Toleranz und Offenheit,
dann in alle Richtungen!
Du Julia, wie hast du eigentlich – abgesehen
vom „Outfit“ – die TeilnehmerInnen erlebt?
Die HundekollegInnen waren alle sehr nett!
Na ja, der eine oder der andere Rüpel war
schon dabei, aber bei der Vielzahl der Teilneh-
merInnen eh´ kein Wunder. Manche müssen
sich eben aufplustern, aber ihre Frauerln und
Herrln hatten das sehr gut im Griff. Du weißt
ja, mir sind die anderen Hunde eigentlich
wurscht. Ich scher´ mich nicht darum. Ein
bisschen hinschnüffeln zur Informationsge-
Julia und Surya beim Gespräch
Workingtest in Bad Aussee 12. – 13.09.2015
Kritische Rückschau und Dialog zwischen der Labradorhündin Surya
(Umber of Lubberland) und ihrer Besitzerin Julia Engel
winnung und die Sache ist für mich abgehakt.
Bei den Menschen ist mir schon was aufgefal-
len. Da war doch eine Frau, mit eindeutig
deutscher Muttersprache und die hat mit ih-
rem Hund nur englisch geredet. Und das in
ganzen Sätzen! Vielleicht hat mein Kollege
„hündisch“ nur in Englisch gelernt oder war
im diplomatischen Dienst. Kennst du dich da-
bei aus??“
Julia:
„Ich kann dich beruhigen. NEIN!
Mir ist aufgefallen, dass TeilnehmerInnen mit
bekannten Namen sich weniger mit„Hinz und
Kunz“ auseinander setzen, sondern eher Kon-
takt unter sich pflegen.
Junge TeilnehmerInnen sind jedoch herzerfri-
schend offen auf andere zugegangen. Hat
richtig gut getan, das zu sehen.
Ich sag´ ja immer, nicht nur die jungen können
von uns älteren Menschen – ich bin ja auch
schon 61 Jahre – lernen, sondern auch ältere
Menschen müssen jüngeren gegenüber eine
Lernbereitschaft an den Tag legen. Täte bei-
den Seiten gut!“
Surya:
„Julia, wie war eigentlich der Wettbe-
werb für dich? Ich war schon sooo gespannt
darauf und richtig ungeduldig. Ich musste
mich wirklich zusammenreißen und mich in
Geduld üben. Überall haben sie geschossen,
Hunde haben geknurrt, haben gebellt, ein
völlig fremdes Gebiet, viele neue Gerüche,
verschiedenste Kommandos waren zu hören
... Kurzum: Es war wirklich heftig für mich!“
Julia:
„Nicht nur für dich, mein Hund, war das
alles neu. Es war dein erstes Turnier, aber auch
mein erstes! Ich war zwischendurch etwas
konfus, das wirst du eh schnell gemerkt ha-
ben. Aber Surya, ich muss dir ein ganz dickes
Lob aussprechen. Du hast dich überhaupt
nicht beirren lassen und warst – besonders
am Vormittag – hoch konzentriert. Du warst
in der Unterordnung so gut wie noch nie und
das heißt bei dir etwas! Nur ins Wasser hab´
ich dich nicht bekommen!
Was war denn los? Am Nachmittag bei der
wesentlich schwierigeren Übung hast du das
Dummy aus dem Wasser geholt. Wollte eine
Libelle deinen Weg kreuzen? Bei deiner Sen-
sibilität würde es mich nicht wundern.“
Surya:
„Sorry Julia – ach du lieber Himmel,
jetzt bell´ ich auch schon Englisch. Du weißt
ja, dass ich als sieben Wochen alter Welpe
beim Herumkasperln ins tiefe Wasser gefal-
len bin und ich deshalb bei unbekannten Ein-
stiegen ins Wasser etwas vorsichtig bin. Hab´
Geduld mit mir. Das wird schon!„Dont worry,
my dear!“ Hast´ eh´ gesehen, am Nachmittag
ging das schon. Da hast du mir geholfen, in-
dem du es mir zugemutet und zugetraut und
mich dabei motivierend unterstützt hast.
Danke Julia, das war wichtig für mein Selbst-
vertrauen!
Dafür hab´ ich alle übrigen Stationen am
Nachmittag geschmissen – na ja, nicht nur
ich alleine. Hast auch Fehler gemacht!“
Julia:
„Brauchst mich gar nicht daran zu erin-
nern! Ich weiß, dass ich Mist gebaut habe
und dich durch meine Ungeduld zweimal
verwirrt habe. Du Surya, wie hast denn du die
Richter empfunden?“
Surya:
„Die waren wirklich super! Mrs. Hay
hat in der E-Klasse gleich erkannt, dass ich
meine Arbeit alleine erledigen möchte und
hat mir 20 Punkte gegeben. Toll, was! Nur
einmal auf mich hingeschaut und schon ...“
Julia:
„Du, sie hat aber auch viel Erfahrung
und erkennt auf Anhieb das Potential eines
Hundes und ich muss sagen, du warst bei ihr
auch wirklich fantastisch!“
Surya:
„Mr. Hay and Mr. Spencer, die weiteren
beiden englischen Richter, waren auch „very
british“. Richtig „gentlemanlike“! Zu dir und
zu mir! Fair, gute Rückmeldungen, nutzbare
Trainingsempfehlungen, ...“
Julia:
„Und Fr. Loidl, die österreichische Rich-
terin? Ich hab´ im Vorfeld gehört, dass sie
sehr streng ist.“
Surya:
„Ach Schmarrn. Das war sie überhaupt
nicht! Sie konnte mich am Vormittag nicht in
die Bewertung nehmen. Ich bin ja nicht ins
Wasser gegangen. Aber, dass sie gesagt hat,
sie wisse auch nicht, ob es einen Sinn mache,
nachmittags in der L-Klasse anzutreten, hat
mich schon ein bisschen in meiner Hundeeh-
re gekränkt. Aber ja, du und ich haben ausge-
macht, an diesem Tag einfach nur Erfahrun-
gen zu sammeln.“
Julia:
„Haben wir ja auch, sehr wertvolle so-
gar!“
Surya:
„Am Nachmittag bin ich dann ins Was-
ser und da haben wir es ihr gezeigt. Hast ge-
sehen Julia, sie hat sich mit uns gefreut! Sie
hat dir dann Anregungen gegeben, wie du
mir helfen könntest, meine – zugegeben –
übertriebene Vorsicht vor unbekanntem
Wasser, abzulegen. Sie hat uns beide ermu-
tigt. Das war voll nett!“
Julia:
„Ja genau! Surya, hast du gewusst, dass
Fr. Loidl an diesemTag ihr Debüt als WT-Rich-
terin gegeben hat?“
Surya:
„Ja, ich habe so was bellen gehört. Sie
hat das wirklich – meiner bescheidenen Mei-
nung nach – äußerst souverän und professio-
nell hingekriegt.“
Julia:
„Ja, ich hatte auch das Gefühl, sie muss
sich und den anderen nichts beweisen. Sie
weiß um ihre Kompetenzen und bezieht dar-
aus ihre Souveränität. Schon fein, es mit sol-
chen Leuten zu tun zu haben. Surya, was ist
nun dein Resümee dieses Tages?“
Surya:
„Wir waren das erste Mal bei einem
Workingtest. Wir haben dort zwar kein „Ban-
kerl“ gerissen, dafür aber wertvolle Erfahrun-
gen gemacht. Das Nullsummenspiel in der L-
Klasse vergessen wir ganz schnell!“
Julia:
„Ich weiß, ich hab uns für den ersten
WT zu viel zugemutet. Tut mir leid, meine lie-
be Surya. Eines möchte ich dir noch sagen.
Surya, du warst toll, ich bin stolz auf dich!“
Surya:
„Kennst mich doch. Ich muss den letz-
ten Beller oder wie du sagst, das letzte Wort
haben. Du warst auch nicht übel und es hat
mir Spaß gemacht, auch wenn ich zum
Schluss ganz schön geschafft war.
Julia, willst noch was wissen, oder kann ich
jetzt mit Heinz (Herrl) weiterhin Ball spielen.
Und bitte! Stör´ uns dabei nicht wieder!“
Julia Engel
Foto:ChristineHofer-Lukic
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